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Kollektivität, Nachhaltigkeit und Teilen. Vortragsreihen der documenta fifteen über Künste, Kulturpolitik und Bildung

 
14. Januar 2022
  • 11. KupoBuko

Im Sommer 2022 findet in Kassel zum fünfzehnten Mal die documenta statt, eine der wichtigsten und meistbeachteten internationalen Ausstellungen für zeitgenössische Kunst. Die künstlerische Leitung der documenta fifteen liegt bei dem indonesischen Künstler*innenkollektiv ruangrupa. Deren Ziel ist es, „eine global ausgerichtete, kooperative und interdisziplinäre Kunst- und Kulturplattform“ zu schaffen, die auch nach den einhundert Ausstellungstagen (18. Juni – 25. September 2022) wirksam bleiben soll. Bereits jetzt gibt es öffentlich frei zugängliche Online-Veranstaltungen im Rahmen der documenta fifteen zu künstlerischen, kulturpolitischen und bildungsbezogenen Fragestellungen.

»Unser kuratorischer Ansatz zielt auf ein anders geartetes, gemeinschaftlich ausgerichtetes Modell der Ressourcennutzung – ökonomisch, aber auch im Hinblick auf Ideen, Wissen, Programme und Innovationen.«
Platzhalter Portrait
ruangrupa

lumbung: Kollektivität, Ressourcen und Teilen

Der Begriff „lumbung“ spielt für die Konzeption der documenta fifteen eine wichtige Rolle. Er bezeichnet im Indonesischen eine gemeinschaftlich genutzte Reisscheune, in der die überschüssige Ernte zum Wohle der Gemeinschaft gelagert wird. Es geht übertragen auf die documenta darum, die Ernte, also Wissen, Erfahrungen etc. zu sammeln und für alle nutzbar zu machen. Grundsätze von Kollektivität, Ressourcenaufbau, Teilhabe und gerechter Verteilung stehen im Mittelpunkt der kuratorischen Praxis und prägen den gesamten Prozess der documenta fifteen: die Struktur, das Selbstverständnis und das Erscheinungsbild. Das Prinzip kollektiver Entscheidungsfindung und die Beziehungen von Kunstorganisationen und lokalen Netzwerken der Zivilgesellschaft sind für das lumbung-Prinzip zentral.

Mit der Auswahl eines Kollektivs als künstlerische Leitung gibt es bei dieser documenta eine deutlich sichtbare Abkehr von einer zentralen Kurator*innen-Figur. Gemeinschaftliches Arbeiten und Entscheidungsprozesse werden immer zentraler. Auch bei früheren documenta-Ausstellungen gab es bereits Co-Kurator*innen und Artistic Teams, doch im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit standen meist die künstlerischen Leiter*innen, zuletzt Adam Szymczyk (2017), davor Carolyn Christov-Bakargiev (2012), Roger M. Buergel (2007) und Okwui Enwezor (2002).

#Einzelne Künstler*innen und Kunstkritiker*innen befürchten allerdings, dass ruangrupa gesellschaftliches Engagement zum obersten Kriterium der Künstler*innenauswahl mache und dass Künstler*innen, die das Individuelle fokussierten und nicht in Kollektiven organisiert seien, nicht berücksichtigt würden.

lumbung member

Bei den bisher bekannt gewordenen documenta fifteen-Teilnehmer*innen handelt es sich tatsächlich um auffällig viele Kollektive und Organisationen, es werden jedoch auch zunehmend Einzelkünstler*innen veröffentlicht. Hervorzuheben sind bei den Künstler*innengruppen die von ruangrupa benannten „lumbung member“, dies sind vierzehn weitere Künstler*innenkollektive, die allesamt lokal stark vernetzt sind und sich gesellschaftlich engagieren. Die lumbung member bilden ein Netzwerk, das langfristig im freundschaftlichen Austausch miteinander stehen und Wissen und Ressourcen teilen soll. Es gibt regelmäßige Online-Meetings, die zum Teil öffentlich sind. Die lumbung member sind: Britto Arts Trust (Dhaka, Bangladesch), FAFSWAG (Auckland, Aotearoa), Fondation Festival Sur Le Niger (Ségou, Mali), Gudskul (Jakarta, Indonesien), INLAND (verschiedene Orte, Spanien), Instituto de Artivismo Hannah Arendt (Havanna, Kuba), Jatiwangi art Factory (Jatiwangi, Indonesien), Más Arte Más Acción (Nuquí, Chocó, Kolumbien), OFF-Biennale (Budapest, Ungarn), Project Art Works (Hastings, UK), The Question of Funding (Ramallah, Palästina), Trampoline House (Kopenhagen, Dänemark), Wajukuu Art Project (Nairobi, Kenia), ZK/U – Zentrum für Kunst und Urbanistik (Berlin, Deutschland).

Seit dem 7. Dezember 2021 findet monatlich die Online-Gesprächsreihe „Lumbung Konteks“ statt, während der jeweils zwei lumbung member ihre Praxis und ihre lokalen Netzwerke vorstellen. Im Mittelpunkt der Reihe stehen die Fragen, wie man gegenseitig von den jeweiligen ökologischen und ökonomischen Ansätzen und Bildungsmodellen lernen kann und wie sich kooperatives Arbeiten und Wissenstransfer auch transnational gestalten lassen.

Online-Vortragsreihe zu Schnittstellen von Kunst, Kultur, Politik und Bildung

Von September 2021 bis Februar 2022 präsentiert das interdisziplinäre Netzwerk CAMP notes on education im Rahmen der documeta fifteen die Vortragsreihe „Künste, Kulturen, Politik & Bildungspraktiken“. In neun Online-Veranstaltungen stellen internationale Expert*innen ihre Konzepte und Ansätze vor. Sie berichten aus ihrer Forschungspraxis und ihrer Verankerung in den jeweiligen Kontexten an den Schnittstellen von Kunst, Bildung und Kulturpolitik. CAMP notes on education möchte einen Dialog über die Entstehungsbedingungen kultureller Praxis durch soziale und politische Einflussfaktoren initiieren. Es geht auch darum, wie eine zeitgenössische Kunstvermittlung in vernetzten und globalen Kontexten aussehen kann, welche Rolle sie zum Beispiel im Verhältnis zu künstlerischen und kuratorischen Akteur*innen hat oder wie sie sich in aktuellen kulturpolitischen Diskursen verortet. Die stark transnational geprägten Perspektiven dürften auch den Blickwinkel von Kulturakteur*innen in Deutschland maßgeblich erweitern. Denn auch die Kulturpolitik in Deutschland sieht sich mit Transformationsprozessen und Verteilungsfragen konfrontiert, die sich nicht mehr ausschließlich innerhalb nationaler oder europäischer Paradigmen adäquat beantworten und gestalten lassen.

Die nächste Veranstaltung findet am 20. Januar 2022 statt, mit den Vorträgen „Hinhören bei Aufführungen von Unterschieden: Mit dialogischer Empathie die Vielfältigkeit verhandeln“ von Charlene Rajendran und „Ausloten von Fragen der Nation durch visuelle Kulturelle Bildung: Pädagogische Hinweise von zeitgenössischen Künstlern aus Singapur“ von Chee-Hoo Lum.

Die Reihe entsteht in Kooperation mit der Universität Hildesheim und der Akademie der Bildenden Künste in München. CAMP notes on education ist ein Netzwerk von Lehrenden und Lernenden in den Bereichen Kunst, Kunstgeschichte, Ästhetik, Kulturpolitik und Kulturelle Bildung. Die Vortragssitzungen werden von Studierenden moderiert und in englischer Sprache abgehalten.

Alle künftigen Termine der Vortragsreihe

Donnerstag, 20. Januar 2022 Referent*innen: Charlene Rajendran & Chee-Hoo Lum
Donnerstag, 27. Januar 2022 Referent: Timo Jokela
Donnerstag, 10. Februar 2022 Referentin: Avi Sooful
Donnerstag, 17. Februar 2022 Referent*innen: Pepetual Mforbe & Paul Henri Souvenir Assako Assako

Weitere Informationen: www.documenta-fifteen.de  

Hier geht’s zum aktuellen Diskurs über die Antisemitismus-Vorwürfe gegen die documenta fifteen.